Dienstag, 19. Juli 2011

Greymouth

In Greymouth checke ich in das wohl bunteste Hostel ein, das ich je gesehen habe. Die Global Village Backpacker Lodge, ein Tipp aus dem Lonely Planet, vermittelt einfach nur gute Laune - trotz Dauerregen, der auf die Dachfenster platscht. Wunderschoen dekoriert in afrikanischem Stil, blitzblank und supergemuetlich mit einem Kaminfeuer und lauter Sofas zum Rumluemmeln und Nichtstun. Und das Beste: eine bestens gestimmte Akkustikgitarre.




Logischerweise sieht mein Schlechtwetterprogramm in der grauen Stadt daher folgendermassen aus:

Projekt A: Mit moeglichst wenig Verschleiss bzw. Schmerzen an den Fingerkuppen und minimalem Nervfaktor gegenueber meinen "Mitbewohnern" moeglichst lange und effizient Gitarre spielen.

Projekt B: Ein moeglichst aufwendiges Abendessen kochen, das man im besten Falle mit anderen Sturmfluechtlingen teilen kann - beschaeftigt fuer eine Weile, waermt von innen und schmeckt gut!

Projekt C: Edelsteinjagd.
Gemeinsam mit meiner Zimmergenossin, der Franzoesin Lydie lasse ich mich am Strand hin und herwehen, waehrend ich den massiven Wellen ausweiche und gleichzeitig nach flaschengruenem Jadestein Ausschau halte.
Mit der Hosentasche voller gruenlich glaenzender Hoffnung und ziemlich durchnaessten Klamotten treten wir eine halbe Stunde spaeter den Rueckzug an. Unsere chinesische Mitbewohnerin Jen entlarvt unsere Ausbeute jedoch ohne Wimpernzucken als Serpentin, einen dunkelgruen gesprenkelten Edelstein ohne "Durchscheineffekt". Dennoch sieht sie Potential zum Polieren und Aufwerten des Rohmaterials. Mit fuenf verschiedenen Staerken Sandpapier bearbeite ich mein schoenstes Fundstueck. Die Prozedur dauert selbst ohne Rumbummeln locker einen ganzen Abend. Das Ergebnis stellt mich zufrieden: ein sanft angerundeter, tropfenfoermiger, jaegergruener Handschmeichler.

Lydie hat mit dem Wind zu kaempfen


Finde die Nadel im heuhaufen - oder die Jade im Kies!

rote Baeckchen...

... und gruene Steine

Profipoliererin Jen bei der Arbeit

polierter Serpentin

Am naechsten Tag habe ich die Schnauze voll vom Rumsitzen und fahre einfach drauf los - Richtung Norden, weiter die Westkueste rauf. Die brandungsumtoste Kuestenlinie ist (sogar grau in grau) eine echte Wucht: links schaumgekroente Wellen und felsige Buchten, rechts die steil aufragenden, von Palmen und Straeuchern bewachsenen Paparoa Ranges - dazwischen gerade mal genug Platz fuer eine schmale, sich um die Klippen windende Strasse. In Punakaki sind es keine Naturschoenheiten sondern Tourilaeden und Cafes mit Pfannkuchen als "Special of the day" (na klar...), die die Strasse flankieren. Die sogenannten Pancake Rocks, durch Erosion aufgeschichtete Kalksteinfelsen, bilden gemeinsam mit den Sprueh(sahne)wellen eine bizarre Kulisse. In vom Meer geformte Aushoehlungen klatscht die Brandung und schiesst an einigen Stellen als Fontaene aus den "Blowholes". Der boeige Wind erledigt den Rest: Nach wenigen Minuten sind Pony, Brille und Kamera mal wieder unangenehm feucht.







Im Pfannkuchencafe zeige ich Ansaetze einer Minirevolte und kaufe einen gigantischen Blaubeermuffin. Kaum zwei Bissen spaeter muss ich schon wieder scharf bremsen, als ich das Wort "Cave" auf einem Schild lese. Das muss ich mir mal genauer anschauen! Die Hoehle ist zwar niedrig, aber unglaublich breit, vergleichsweise hell und leicht begehbar. Nur der feuchte, rutschige Untergrund macht die Erkundung nicht leicht.



Nochmal 100 Meter weiter stoppe ich, um den "Truman Coastal Track" zu laufen. Endlich lugt auch mal die Sonne vorsichtig hinter den Wolkentuermchen hervor und offenbart einen Blick auf eine kleine Bucht. Ich stolpere geradezu ueber eine Babyrobbe, die sich auf einem grossen Felsen ausruht. Der Kleine laesst sich jedoch kaum von mir beeindrucken, sodass ich nach ca. 300 Nahaufnahmen und einem Abschiedswinker den Rest des Strandes inklusive Wasserfall erkunde und dann umdrehe.




In Charlston biege ich kurzentschlossen in die Einfahrt der Pounamu Gallery ein, wo ich auf Jade- und Lebenskuenstler Paul treffe. Bereitwillig bohrt der mir ganz umsonst und ohne grosses Bimborium ein Loch in meinen polierten Serpentin und schenkt mir obendrein ein Lederbaendchen. Vor Freude strahlend haenge ich meinen edlen Stein um den Hals, druecke Pauls Hand und freue mich darueber, wie einfach - mit den richtigen Hostels, Bekanntschaften und Erlebnissen - aus einem regengrauen ein kunterbunter Tag werden kann.



Dienstag, 12. Juli 2011

We(s)tcoast with Sun

Fuer eine Woche Semesterferien ist mein Bekannter Sun von Christchurch angereist, um mich auf meiner Tour die Westkueste rauf zu begleiten. Zur Feier unseres Wiedersehens testen wir Wanaka's Burger- und Frittenbude, die es durchaus mit dem groesseren und bekannteren Konkurrenten "Fergburger" in Queenstown auf sich nehmen kann. Anschliessend schauen wir uns "Fluch der Karibik IV" im Paradiso Kino an, in dem man auf alten Sofas oder in einem ausrangierten Kaefer sitzen, frisch gebackene Cookies naschen oder das hausgemachte Eis probieren kann - oder alles zusammen :-)

Am naechsten Morgen entscheiden wir uns spontan zu einem kleinen Schlenker ueber die "Scenic Route" nach Queenstown, um im Warehouse alles einzukaufen, was Sun bei seiner Last-Minute-Packaktion vergessen hat (Zahnpasta, Duschgel, Handtuch, Socken, Muetze). Die Fahrt durch die gelb und hellbraun bebueschelten Berge des "Haast Pass" ist tatsaechlich unheimlich lohnenswert. Trotz bewoelktem Himmel und eingezogenen Kopf in der Erwartung eines Schauers versetzen mich die Farben und das Wuestenambiente ins Schwaermen. In den Snowboardlaeden in der Stadt probiert Sun ein paar Muezten durch und hinterher sein erstes mexikanisches Essen ueberhaupt.








Auf der Rueckfahrt werde ich ploetzlich von einem Polizeiwagen angeblinkt und links rueber gebeten. "You know, why I'm pulling you over? You drove 63,5 in a 50-zone." Ups, aehm, ja, Herr Officer, war ja auch gegen die tiefstehende Sonne und bergrunter... Mister Erbarmungslos verdonnert mich dennoch zu einem Bussgeld von 80$, die ich per Ticket in Rechnung gestellt bekomme; zu zahlen innerhalb der naechsten vier Wochen. "Tja, so ein Pech", kichern Sun und ich, da bin ich ja schon gar nicht mehr im Lande...

Unser erster richtiger Reiseabschnitt fuehrt uns von Wanaka die Westkueste rauf bis nach Fox Glacier. Ein langer Tag voller schoener Erlebnisse:

07.00: aufstehen, packen, fruehstuecken
08.30: von meiner Freundin Maria verabschieden und losbrausen
09.00: erster Stopp am Strassenrand, Lake Hawea (blau) vor Graslandschaft (gelb)



09.30: zweiter Stopp am Strassenrand, Laka Wanaka (blau) vor weiss getuepfelter Berglandschaft (gruen)

10.15: Blue Pools Walk, Swingbridge, voellig auf-/ueberdrehter Sun watet durch tuerkiesfarbenen Fluss





11.00: Fantail Falls, voellig auf-/ueberdrehter Sun duscht unter Wasserfall (trotz Regen und Kaelte)




11.30: dritter Stopp am Strassenrand, neuseelandtypische One Lane Bridge



11.40: Thunder Creek Falls, Wasserschlucken


13.00: Mittagssnack in Haast (Essen und Stadt zum Davonlaufen)
13.20: Ship Creek, erste Begegnung mit der Westkueste der Suedinsel, Stuntshow am Strand






14.00: Knights Point, Kuestenbrecher, verkehrte Groessenverhaeltnisse

 15.00: Salmonfarm, nur gucken, nichts essen (zu teuer dafuer, dass ich nicht auf Lachs stehe)


15.15: vierter Stopp am Strassenrand, lauter Steintuerme


16.00: Ankunft in Fox Glacier, Einchecken ins Hostel "Ivory Towers"
16.15: ausruhen, Fotos gucken, Internet
18.00: kochen, quatschen, Film aussuchen
20.00: "James Bond - Golden Eye" schauen
23.00: Schlafenszeit (endlich!)

Nach einer stuermischen Nacht ist das Wetter immernoch absolut "bescheiden": Es regnet, windet, graut. Schweren Herzens entscheide ich mich dazu, meine geplante Gletscherwanderung erstmal "auf Eis zu legen" und anstattdessen mit Sun zu einer Mini-Individualtour aufzubrechen. Den Fox Glacier kann man vom Parkplatz aus in lockeren 20 Minuten erreichen und hinter einer Sicherheitsabsperrung aus 300 Metern Entfernung bewundern. Oder man kann die Abenteuervariante waehlen. Mit Sun an meiner Seite habe ich quasi gar keine Chance, fuer die Omaroute zu stimmen. Ueber einen niedrigen Steinwall kletternd und den Fluss mit dem eisigen Schmelzwasser ueberquerend erspaehen wir bereits die letzten Auslaeufer des Gletschers. Hier, wo vor 200 Jahren noch dickes Eis lagerte, ist nur noch ein breites Tal, eine Schneise voller Felsbrocken zurueckgeblieben. Sun und ich klettern, huepfen, erklimmen und bahnen unseren Weg in Richtung Gletscherzunge. Natuerlich kommen wir somit deutlich langsamer voran als die Tourigruppen auf dem ausgetretenen Pfad, dafuer macht das Entdecken und Erobern viel mehr Spass. Nach einer guten (Kletter-)Stunde beruehren wir das erste Mal Eis. Zwar ist das hier unten eher dreckigbraun als glasblau, aber trotzdem sehr beeindruckend! Innerhalb von zwei Tagen bin ich von der Wueste zu einem Gletscher gereist - schon verrueckt. Auf dem Rueckweg zum Parkplatz nehmen Sun und ich dann doch den einfachen und schnelleren Weg, da unsere Klamotten vom Regen bereits vollkommen durchgeweicht sind.
Mit beschlagenen Scheiben erreichen wir wenig spaeter das nahegelegene Oertchen Franz Josef, wo wir unsere Sachen in den Waeschetrockner schmeissen und uns mit einem Tee vor den Fernseher setzen. Auf dem Wellblechdach hoere ich dicke Regentropfen (oder sind das Hagelkoerner?) im Stakkato-Takt tanzen.








Von hier aus fuehrt uns unsere Tour weiter nach Norden. Das Wetter ist immernoch bloed. Durch Nieselregen fahren wir zwischen feuchtgruen tropfendem Blaetter- und Farnwald und grau schaeumenden Wellen der Tasman Sea entlang.
In Ross, einer alten Goldgraeberstadt, halten Sun und ich nach Nuggets Ausschau und balancieren ueber morsche Holzbruecken. Fuer die Nacht stranden wir im Kuestenort Hokitika, wo wir das Lokalkino, das in einer alten Bankfiliale untergebracht ist, auschecken: Kasse, Foyer und Vorfuehrraum mit gemuetlichen Sofas - alles in einem mittelgrossen Saal. Der schwedische Film "Beyond" mit Untertiteln ist ganz hervorragend und entschaedigt fuer die wetterbedingten Einschraenkungen der letzten Tage.




Unsere letzte gemeinsame Etappe startet vielversprechend mit blauem Himmel und Sonnenschein! Endlich... Auf den Southern Alps entdecken wir Massen an Schnee und auf der Landkarte ein vielversprechendes Ausflugsziel, den Lake Kaniere. Obwohl Sun grosse Fortschritte als Navigator gemacht hat (von "ich habe keine Ahnung, wo links und rechts ist, geschweige denn, wo wir sind" zu "ich glaube, wir sind richtig"), bin ich ziemlich irritiert, als der See ploetzlich zu unserer Linken auftaucht anstatt wie erwartet auf der entgegengesetzten Seite. Na gut, dann rollen wir das Feld eben von hinten auf. Am Seeufer planschen wir mit einem Paerchen Paradiesenten und lassen einige Steinchen (oder auch Brocken) huepfen. Bei einer waghalsigen Kletteraktion vor den Dorothy Falls jagt Sun uns beiden einen ganz schoenen Schrecken ein, als er ploetzlich auf einem glitschigen Felsen ausrutscht, sich trotz wilder Armruderei nicht mehr halten kann und einen guten Meter faellt. Ob er dabei einen Schutzengel oder einfach nur ein Schweineglueck auf seiner Seite hat, vermoegen wir nicht zu sagen, aber unglaublicherweise knickt Sun noch nicht mal um. Welch ein Glueck. Die Ambulanz hier raus zu beordern waere sicher nicht ganz unproblematisch.





Von hier aus fahren wir in einem Rutsch ins "charmante" Greymouth (was will man von einem Ort mit so einem Namen schon erwarten), mit 13000 Einwohnern eine echte "Grossstadt" an der Westkueste. Hier trinken wir ein Abschiedskaeffchen und dann setze ich Sun bei der Bushaltestelle ab. Fuer ihn geht es wieder zurueck nach Christchurch. Nachdem sich die kompletten Semesterzeiten durch drei grosse Erdbeben im letzten halben Jahr immer wieder verschoben haben, bleibt den Studenten nur eine Woche Freizeit zwischen Pruefungen und Anschlusskursen. Wie gut, dass ich mich mit dem Thema Uni noch nicht wieder beschaeftigen muss, sondern noch ein paar Wochen durch die Wueste und den Dschungel, zu Gletschern, Wasserfaellen, Straenden und Seen reisen kann - in Zukunft jedoch unter Beachtung der Geschwindigkeitsbegrenzungen...